Pressestimmen | reviews and articles

Der »Stummfilm für Gehörlose« ist sicher Brynntrups witzigster Film. Ein konservativ-verklemmtes Lehrbuch für Gehörlosensprache (übrigens das einzige in Deutschland erhältliche) wird abgefilmt und mit eigenen Einsätzen persifliert. Der Witz geht auf Kosten des Lehrbuchherstellers, nicht seiner Benutzer !
(die tageszeitung, 25.07.86 - Wiglaf Droste)

[...] der »Stummfilm für Gehörlose« entpuppt sich als sehr lustiger Kurs in Taubstummensprache.
(Zitty Berlin, 15/86 - Georg Lacher-Remy)

Da gibt es den gar nicht stummen Lehr- und Übungsfilm »Stummfilm für Gehörlose«, eine Reminiszenz an die Geschichte des Super-8-Films, der ja vorwiegend als Lehrstück eingesetzt wurde. Standbilder von zeichensprechenden Menschen entlarven die Symbolik der Zeichensprache, doch 24 mal in der Sekunde fotografiert, werden die abrupten Gesten zur flüssigen Gestik und entlarven plötzlich den, der meint, sie ganz und gar nicht nötig zu haben.
(tip Berlin, 16/86 - Michael Volber)
There is not at all mute educational and exercise film »Silent Movie for the Deaf«, which is reminescent of the history of Super8-films, which has primarily used in a didactic context. Stills of people communicating in sign language demask the symbols of the language system. However, photographed 24 frames per second, the abrupt gestures are united to flow gesticulation and suddenly demask him, who thinks these signs are absolutely unnecesseary for his personal communication.
(tip Berlin, 16/86 - Michael Volber, translated 1993 by LFMC-catalogue)

»Stummfilm für Gehörlose« - Der Film heißt nicht "laufende Bilder für Gehbehinderte" wie fälschlicherweise angenommen, meint der Filmemacher lakonisch zu seinem witzigen Film, in dem er die Gehörlosensprache geschickt nutzt, um den Hörenden die spielerische Spannbreite einer Sprache zu verdeutlichen, die sie kaum beherrschen.
(Katalog Nürnberger Amateurfilmfestival, 02/88)

beispiel: der 7minütige »stummfilm für gehörlose« von 1984, der ein selten schulmeisterlich verklemmtes lehrbuch für gehörlosensprache zitiert und entlarvt. fotos von alphabets- und begriffszeichen aus diesem buch werden aneinandergereiht, die gesten werden als trickfilm lebendig, komplexere wortbildungen werden von brynntrup nachgestellt. ein herrliches spiel mit dem medium '24 bilder/sec' - für alle, die schon immer die zeichengesten für penis, geschlechtsverkehr und homosexualität kennenlernen wollten!
(Siegessäule Berlin, 4/88 - Ewald Kentgens)

Zwischendurch: »Stummfilm für Gehörlose« (1984), ein Lehr- und Übungsfilm in der Tradition des Super-8-Films, der vor dem Videozeitalter häufigster Träger von Lehrfilmen war. Die Fotos von zeichen-sprechenden Lehrern - abgeflimt aus dem einzigen deutschen Lehrbuch für Zeichensprache - und Michael Brynntrups persiflierende Einsätze machen den Widerspruch zwischen den großen Worten - hier Gesten - und den angestrengten, ernsten, Sprechenden überdeutlich. Diese plötzliche Diskrepanz denunziert nicht die Benutzer des Lehrbuchs, sondern alle allzu selbstsicheren Produzenten von Gesten, Bildern und Sprache. Denn selten sieht man z.B. in Filmen zu den Bildern ihre Hersteller. Anders in den Kurzfilmen von Michael Brynntrup, er ist nicht nur Filmemacher im herkömmlichen Sinn (Buch, Regie und Schnitt), er filmt immer auch über sich und filmt sich selbst dabei.
(Werkschau MB, Katalog NoBudget Festival, Hamburg 05/1988 - Martin Hagemann)

Und wieder einmal war unsere Expertin Wilma Goich im Brennpunkt des Zelluloids und berichtet exklusiv für Sie über die interessantesten Vorfälle zwischen Künstler-toilette und Silverscreen. "Hallo Berlin", die wirklich spektakulären Ereignisse spielten sich diesmal Off-off-off Ku'damm ab. In Egon Radtkes SchwuZ-Kino überraschte der Filmemacher Michael Brynntrup mit seinem 8- und 16mm Kurzfilmprogramm für Blinde, an dem aber auch wir Sehenden eine Heidenfreude hatten, z.B. an der Definition von Homosexualität in Taubstummen-Gebärdensprache. [...]
(Schöner Opern, Filmfestspielrückspiegel, 3/89 - Wilma Goich)

Brynntrup’s ‘80s abstract, personal films are not gay in the same way as, say, Praunheim or Speck’s films are – that is, in their explicit focus on »out« gay characters and on recognizable settings in the gay subculture. The homoerotic imagery and aesthetic sensibility that pervade his films nevertheless resonate with other queer work engaged in the erotic reorganization of the visual field. Brynntrup himself notes that his work often contains »certain gay moments.«[11] For example, his Stummfilm für Gehörlose (Silent Movie for Deaf People) (FRG 1984), a reflection on sign language and moving images, includes signs representing homosexuality, the penis and testicles, and his Tabufilm I-V (FRG 1988) deals quite explicitly with his own homosexuality and coming-out. Furthermore, almost every Brynntrup film confronts the viewer with the slightly affected – dare I say faggy – presence of the filmmaker himself, often in various forms of drag, as a kind of joker or fairy narrator figure.
(Marc Siegel, "Reflections on Arriving Too Late to Experience Queer West Berlin Film Culture" (excerpt on Michael Brynntrup), In: "[...] West Berlin Film in the ‘80s", b_books verlag, Berlin, 2008)

biografischer Artikel | biographic article

Brynntrups abstrakten, persönlichen Filme der 1980er Jahre sind nicht auf die Art schwul wie es etwa Praunheims oder Specks Filme sind – sprich in jenem expliziten Fokus auf »geoutete« schwule Charaktere und wiederzuerkennende Settings schwuler Subkultur. Die homoerotischen Bilder und die ästhetische Sensibilität, die seine Filme durchdringen, finden dennoch in anderen queeren Werken, die sich der erotischen Reorganisation des Blickfeldes verpflichten, einen Widerhall. Brynntrup selbst merkt an, dass seine Arbeit oft »gewisse schwule Momente« beinhaltet. [11] Sein Stummfilm für Gehörlose (BRD 1984), eine Reflektion über Zeichensprache und bewegte Bilder, beinhaltet beispielsweise Zeichen, die Homosexualität repräsentieren, so wie Penis und Hoden, und sein Tabufilm I-V (BRD 1988) behandelt ziemlich eindeutig seine eigene Homosexualität und sein Coming-Out. Des Weiteren konfrontiert fast jeder Brynntrup-Film die Zuschauer/innen mit der ziemlich affektierten – um nicht zu sagen schwuchteligen – Anwesenheit des Filmemachers selbst, als Joker oder als tuntige Erzählerfigur, oft in unterschiedlichen Formen des Drag.
(Marc Siegel, "Zu spät gekommen. Eine Betrachtung über West-Berlins queere Filmkultur" (Auszug zu Michael Brynntrup), In: "[...] Film in West-Berlin der 80er Jahre", b_books verlag, Berlin, 2008)
biografischer Artikel | biographic article