Michael Brynntrup's
sinnige Sentenzen | sententious senses

Tagebuchzitate | quotations from the diary

Interview deutsch | interview german

Interview englisch | interview english



x sinnige Sentenzen | sententious senses

Jeder Mensch sein eigenes Tabu. Tabu, - c'est moi.
{Informationsblatt zum Film, 1988ff}

Every man, his own taboo. Tabu, - c'est moi.
{Information sheet of the film, 1988ff}

»TABU I-IV«, eine Wortverdrehung, - und keine Literaturverfilmung.
{Informationsblatt zum Film, 1988ff}

»TABU I-IV«, ein Super8-Mikrofilm.
{Informationsblatt zum Film, 1988ff}

Es wird das Jetzt gezeigt, dieses Jetzt. Jetzt; es hat schon aufgehört zu sein, indem es gezeigt wird; das Jetzt, das ist, ist ein anderes als das gezeigte, ... Das Jetzt, wie es uns gezeigt wird, ist ein gewesenes, und dies ist seine Wahrheit; ...
(Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes)

Shown is the Now, this Now. The Now; it has already ceased to exist the moment it is shown; the Now that is, is other than that which is shown, ... The Now, as it is shown to us, is 'ein gewesenes' (something-that-has-been), and this is its truth; ...
(Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes)

Achilles läuft bekanntlich schneller als eine Schildkröte. Dennoch wird er, wenn die Schildkröte auch nur einen minimalen Vorsprung hat, sie niemals einholen. Denn befindet sich die Schildkröte an Punkt A, so ist sie, wenn Achilles sie dort einholt, schon zu Punkt B vorgerückt. Erreicht Achilles Punkt B, so ist die Schildkröte schon bei Punkt C und soweiter bis ins Unendliche ...

It is known that Achilles runs faster than a tortoise. Nonetheless, Achilles will never catch the tortoise, even though the tortoise has only a slight headstart. For when Achilles catches up to the tortoise, at point A, the tortoise has already advanced to point B. If Achilles reaches point B, then the tortoise will already be at point C, and so on ad infinitum.


x Tagebuchzitate | quotations from the diary

(Eben war mir so als würde mein Name körperhaft und flog in Gestalt einer Zunge durch die Luft. Ich war sehr erstaunt und rief dem Ding hinterher: Da fliegt ja mein Name. Jetzt nach drei Stunden kann ich das so aufschreiben, vorher wußte ich nichts damit anzufangen, - ein Tagtraum?)
{TB0280.Tabu01, 13.02.81}

(Ich schreibe das Wort 'Spontaneität', so allem gesprochenen und gewöhnlichen Gebrauch zuwider, mit 'ei'. Damit immer klar ist, daß an diesem Wort als Wort schon nichts mehr Spontanes ist, sondern nur noch Bewußtsein.)
{TB0445.Tabu02, 12.12.81}

Wenn ich 1000 Seiten Tagebuch geschrieben habe, mache ich eine große Fête. Die 1000 Seiten werden ich kopieren und damit die Fêtenwänden tapezieren und die Gäste können sich die Mühe machen alles zu lesen, das Innerste nach Außen gekehrt. Titel der Fête: TABU - Das Tagebuch des Michael Brynntrup, 1000 Seiten Jubiläumsfeier.
{TB0726.Tabu03, 11.01.86}

Habe heute eine Stunde lang das Tagebuch III kopiert, leider erkennt der Kopierer nicht alle Grauwerte dieser sensiblen Bleistiftzeichnung, so daß einige Feinheiten verloren gehen. Gedacht als Vorlage für Tabu-Film.
{TB0982.Tabu04, 07.09.87}

Idee: der Tabu-Film als Rahmen einer Resteschau meiner bisherigen Filme.
{TB0985f.Tabu04, 16.09.87}

Habe die vergangenen drei Stunden den Tabu-Film grob strukturiert: Titel wahrscheinlich »TABU I-IV« weil's so schön systematisch klingt und ich in diesem Film auch einige sogenannte Tabus anhand eigener Beispiele 'systematisieren' möchte. Jetzt bekommen die Nrn. I bis IV je einen eigenen formalen Akzent (wieder die alte Leier: von statischen Fotos hin zu bewegten Bildern, aber doch wesENDlich verschLEIERerter als in den Filmen zuvor; eingesprengt sind Zentralsätze (mit Lupe), ebenfalls schriftlich die 'Dialoge' während meiner Krankenhausaufenthalte Mitte 1981 und Anfang 1982, schließlich nicht nur Dokumente von Fertigprodukten, sondern auch Entwicklung von Ideen).
{TB1038.Tabu04, 01.02.88}

Habe gerade (grabEND) Zeitzeichen gesetzt... ins Tagebuch {Zettel eingeklebt: "1989 1990 2000"}. Zum Schluß des Tabufilms könnten Statistiken stehen, eben statisch, die ich eh schon längst mal anlegen wollte. (z.B. wie oft gebumst auf's Jahr verteilt oder wieviele Seiten Tagebuch pro Jahr).
{TB1177f.Tabu04, 28.04.88}

Die letzten Eintragungen stammen vom 12.8., das Tabu-Buch hatte ich zum 'Gästebuch' gemacht, auf den Sockel gehoben (und festgenagelt) und für die kurze Zeit der Party 'freigegeben'. Schön (im Sinne von ästhetisch) fand ich daran, daß die Anwesenden damit vor ihr eigenes Tabu gestellt waren (und sich davorgestellt sahen: Spiegel... / so formuliert klingt's schon wieder blöde, stimmig war's aber dennnoch, weil ich diesen Gedanken vorher gar nicht gedacht hab), das eigene Tabu jedenfalls ("Jeder Mensch sein eigenes Tabu") lag in der Frage jedes Einzelnen: soll/darf ich jetzt in diesem Tagebuch lesen oder schreiben oder wie oder so...
{TB1262.Tabu04, 15.08.88}

Noch ein Wort zur Tabu-fête: von verschiedenen Seiten und im Nachhinein (hierhinein... nein) hab ich nur positives vernommen, der Abend gefiel. Der »Tabu I-IV« kam gut an: Beifall. Überhaupt war die Situation: 30-50 Leute dicht gedrängt auf dem Fußboden hockend, den Film betrachtend ganz töfte (mir fehlt ein richtiges Wort, womit ich Freude kurz ausdrücken könnte); ich selbst war bei der Vorführung sicher, zweifelte und zitterte dieses mal gar nicht mehr, und selbst ich konnte den Film ruhig betrachten.
{TB1264.Tabu04, 20.08.88}

Übrigens neulich in Braunschweig mit B+W über den »Tabu«-Film geredet: "Was war denn das für eine schwierige Operation? / Eigentlich eine Schönheitsoperation: ich hatte Komplexe und anschließend habe ich mich total verändert; eigentlich waren es auch zwei Operationen, aber das hab' ich zu einer stilisiert hab' und darum geht's ja auch im »Tabu«-Film überhaupt, daß eben jeder Rückblick / jede Erinnerung eine Verkürzung / Vereinfachung, eben eine Formfrage ist."
{TB1315.Tabu05, 20.01.89}

»Handfest« bezeichne ich ja längst als mein künstlerische Manifest, meine (philosophische) 'Ästhetik'; »Die Statik der Eselsbrücken« als meine (philosophische) 'Metaphysik', auch Erkenntnistheorie. Nun = soeben = jetzt (zum ersten Mal) frage ich mich, ob ich nicht mit »Tabu I-V« schon längst meine (philosophische) 'Ethik' geliefert habe? Nun sollte ja eigentlich der »Expositus« unter diesem Vorzeichen / unter dieser Bezeichnung laufen. Aber je mehr ich darüber nachdenke: TABU ist meine Ethik, ganz subjektiv gesehen: TABU beschäftigt sich mit den (guten) Sitten, ganz objektiv gesehen.
Was soll ich tun?
Was bleibt noch für »Expositus« zu tun?
{TB2178.Tabu07, 25.01.96}


x Interview deutsch | interview german

SU:
Was wolltest du denn in den Tabufilmen erreichen?
MB:
Also die Aussage im »Tabufilm« ist nicht: was hat Michael Brynntrup am 12. Mai 1983 gemacht, sondern was ist Tagebuch, wo sind da Tabus, was ist durch das Medium Tagebuch schon vorgegeben? Was sind überhaupt die Bedingungen, ein Tagebuch zu schreiben, z.B. die Eigengesetzlichkeiten des Mediums. Und dann noch die Ebene, wenn man da jetzt einen Film macht, was ist das jetzt? Eine klare inhaltliche Aussage ist z.B., daß Zeit, je näher sie am aktuellen Zeitpunkt, am Jetzt dranliegt, auch umso chaotischer noch ist...
(Interview von Steff Ulbrich, 04.03.89 und 12.03.89,
gedruckt in: BERLIN - Images in Progress, Buffalo, 1989)


Interview | interview
Steff Ulbrich, Interview mit MB, Auszug zu »TABU I-IV«, translated and printed in: BERLIN - Images in Progress, Contemporary Berlin Filmmaking, Buffalo, 1989

x Interview englisch | interview english

SU:
What has been your goal with your 'Tabufilme'?
MB:
The »Tabufilme« do not state: what did Michael Brynntrup do on the 12th of May, 1989. But they are about what a diary is: does it include taboos? What is already predetermined by the diary medium? What are the conditions for diary writing? Do autonomous functions exist in the medium? And then there is another level. If you're doing a movie on the subject, where does that get you? Regarding content, it is clear, for example, that time, as it gets closer to now, gets more and more chaotic...
(Interview by Steff Ulbrich, March 4th and 12th, 1989,
printed in: BERLIN - Images in Progress, Buffalo, 1989)


Interview | interview
Steff Ulbrich, interview with MB, excerpt on »TABU I-IV«, printed in:
BERLIN - Images in Progress, Contemporary Berlin Filmmaking, Buffalo, 1989


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